Teilleistungsschwächen bedeuten für Kinder weit mehr als schlechte Noten. Sie können Scham, Ängste und den Verlust von Selbstvertrauen auslösen – Gefühle, die den Schulalltag und oft auch das spätere Leben prägen. Mit Verständnis, offener Kommunikation, individueller Förderung und Geduld können Eltern und Lerntrainer Kindern jedoch helfen, wieder Freude am Lernen zu entwickeln und an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben.
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Drei Geschichten, ein Gefühl
Petra kommt endlich ins Gymnasium. Voller Vorfreude hat sie diesen Tag herbeigesehnt und nun sitzt sie zwischen lauter fremden Kindern und ist neugierig auf die neuen Bekanntschaften. Petra wechselt jedoch nicht nur an eine neue Schule, sondern auch vom Dorf in die Stadt. Schon bald merkt sie, dass hier vieles anders ist und ihre Mitschüler machen sich über sie lustig, weil sie anders spricht, selbstgeschneiderte Kleidung trägt und Zöpfe hat. Petra schämt sich, und eigentlich weiß sie gar nicht wofür.
Heike hat heute ihr erstes Referat. Sie ist etwas nervös, aber sie freut sich auch. Zuhause hat sie sich ausgemalt, wie toll es wird und wie viel Spaß es machen wird, ihren Mitschülern ihr Thema vorzustellen. Jetzt sitzt sie ganz vorne und sieht in die Gesichter ihrer Mitschüler. Plötzlich bekommt sie Angst, ausgelacht zu werden. Sie bekommt keine Luft mehr und alles verschwimmt vor ihren Augen. Mit großer Mühe und nur ganz leise stottert sie ein paar Sätze. Einige Mitschüler fangen an zu kichern. Der Lehrer schickt sie wieder auf ihren Platz und sagt dabei etwas von „nicht lebensfähig“ und „es muss doch möglich sein ein Referat zu halten“. Heike schaut mit rotem Kopf auf ihren Tisch und schämt sich, und eigentlich weiß sie gar nicht wofür.
Melitta liebt Geschichten, und ganz besonders ihre eigenen. Zu allem fällt ihr auch eine ein, sie sprüht nur so vor Fantasie. Beim Aufsatzschreiben sind ihre Gedanken leider immer viel schneller als ihr Stift und so kommen oft nur wenige unzusammenhängende Sätze aufs Papier und von ihrer tollen Geschichte bleibt nur noch Chaos übrig. Beim Zurückgeben der Deutsch Schularbeit sagt die Lehrerin: „Ich habe keine Ahnung, was du dir dabei gedacht hast, so etwas abzugeben.“ Einige Mitschüler lachen. Melitta schämt sich. Und eigentlich weiß sie gar nicht, wofür.
Natürlich haben wir aus unserer Erwachsenenperspektive sofort gut gemeinte Ratschläge parat: „Mach dir nichts daraus …“ bis hin zu „Morgen erinnert sich niemand mehr daran.“ Die haben auch alle ihre Berechtigung. Nur: Das Gefühl bleibt. Und meist hat es zur Folge, dass wir diese Situationen in Zukunft vermeiden.
Wir können uns nicht aussuchen, wofür wir uns schämen.
Alle drei Situationen habe ich selbst als Kind erlebt und sie haben meinen weiteren Bildungsweg nicht nachhaltig beeinträchtigt. Ich habe Freunde gefunden, später auch wieder Geschichten geschrieben und mein nächstes Referat 8 Jahre später auf der Uni gehalten. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an diese Scham, an dieses schreckliche Gefühl anders zu sein und nichts dagegen tun zu können.
Fast jeder von uns kennt solche Erlebnisse, an denen man noch Jahre später knabbert. Ist ja ganz normal, oder?
Aber muss das wirklich sein? Wie viele solcher Situationen muss ein Kind erleben, bevor sie Spuren hinterlassen?
Wenn Scham zum Schulalltag wird
Wie muss es einem Kind ergehen, das eine Legasthenie, Dyskalkulie oder eine andere Lernschwäche hat? Bei dem solche Situationen keine Einzelereignisse, sondern Alltag sind?
Scham gehört zu den stärksten Gefühlen, die wir erleben können. Sie lässt uns verstummen, zweifeln und Situationen meiden.
Für viele Kinder mit einer Teilleistungsschwäche ist dieses Gefühl jedoch kein seltenes Erlebnis, sondern Teil ihres Schulalltags.
Es geht um viel mehr als schlechte Noten
Was bedeutet eine Teilleistungsschwäche eigentlich für ein Kind? Schlechte Noten?
Die meisten würden vermutlich genau das antworten. Doch fragt man betroffene Kinder, was ihre Lernschwäche für sie bedeutet, hört man oft Antworten wie diese:
- „Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch, sobald ich in die Klasse komme.“
- „Wenn ich im Unterricht eine Frage beantworten soll, bekomme ich schwer Luft und mir verschwimmt alles vor den Augen.“
- „Ich habe morgens oft Bauchweh.“
- „Mir ist in der Früh oft richtig schlecht.“
- „Spätestens nach der zweiten Pause bekomme ich Kopfweh.“
- „Ich werde oft schon rot, wenn der Lehrer mich nur ansieht.“
- „Ich versuche, nicht aufzufallen.“
- „Ich setze mich gerne in die letzte Reihe, damit ich nicht bemerkt werde.“
- „Ich ärgere mich oft über mich selbst, weil ich bei Aufgaben viel langsamer bin als die anderen.“
- „Ich versuche, mit meinen Mitschülern mitzuhalten. Das ist meistens sehr anstrengend.“
- „Ich möchte nicht, dass meine Mitschüler denken, ich sei dumm.“
- „Manchmal ist es mir peinlich, wenn ich im Unterricht etwas nicht verstehe. Dann mache ich etwas Lustiges, damit es keiner merkt.“
- „Eigentlich macht mir Schule überhaupt keinen Spaß.“
Die schlechten Noten werden dabei nur selten erwähnt.
Doch damit ist es nicht getan. Die beschriebenen Ängste, der ständige Stress und das jahrelange Kompensationsverhalten verschwinden nicht einfach mit dem letzten Schultag. Oft bleiben Glaubenssätze zurück, die einen Menschen noch lange begleiten – manchmal sogar ein Leben lang.
Aber Stopp! Es geht nicht darum, sich schreckliche Zukunftsszenarien auszumalen. Legasthenie, Dyskalkulie oder andere Lernschwächen sind keine unabänderlichen Hindernisse. Ganz im Gegenteil: Wir können etwas dagegen tun.
Was können wir tun?
Lass uns reden!
Wir reden viel über unser Kind, mit dem Partner, mit Verwandten, mit Freunden, mit dem Lerntrainer, aber reden wir auch mit unserem Kind?
Ich erlebe in meiner Praxis als Lerntrainerin immer wieder, dass die Kinder keine Ahnung haben, warum sie eigentlich zu mir kommen. Manchmal kommt die Antwort, weil sie etwas nicht gut können, aber warum das so ist, das wissen sie auch nicht.
Es ist ungemein beruhigend für Kinder, und wahrscheinlich auch für Eltern, wenn wir wissen, warum etwas so ist. Es ist wichtig, unseren Kindern zu erklären, dass sie einen anderen Weg benötigen, um Dinge zu lernen. Reden wir mit ihnen, dass nicht alle Menschen gleich sind und dass nicht alle Menschen alle Dinge gleich gut können.
Und dass es zum Glück viele verschiedene Wege gibt, um etwas zu erlernen 😊!
Das kann ich richtig gut!
Manchmal sind wir Erwachsenen, Eltern, Lehrer aber auch Lerntrainer, so sehr darauf bedacht, einem Kind zu helfen, dass unser Blick fast ausschließlich auf seinen Schwächen liegt. Natürlich ist es hilfreich und auch notwendig, an den Schwächen zu arbeiten. Gleichzeitig vernachlässigen wir nur allzu oft eine wichtige Ressource: Fächer oder Themen, bei denen das Kind gut ist. Schulfächer, die das Kind mag und „worüber man sich deswegen auch nicht kümmern muss“. Dabei übersehen wir den immensen Nutzen für das Selbstvertrauen und die erlebte Selbstwirksamkeit, die die Kinder daraus gewinnen können. Schlimmer noch, durch die Nichtbeachtung dieser guten Noten, werden auch für das Kind diese Erfolge unbedeutend und nicht sichtbar.
Wie können wir das im Alltag ändern? Ganz einfach! Unser Kind ist toll in Mathe und eher schlecht in Deutsch? Dann lösen wir heute mal ein Sudoku und später noch ein Kreuzworträtsel 😉. Oder ein Logikrätsel, das muss es zwar selbst lesen, aber der Fokus liegt am kniffligen Problem. Es gibt hier noch viele Möglichkeiten, die werde ich in einem eigenen Blog vorstellen.
Vergessen wir nicht, die eigenen Interessen des Kindes zu pflegen, denn nur daraus kann intrinsische Motivation entstehen. Je mehr wir die Kinder dabei miteinbeziehen, desto eher werden sie auch weitere Vorschläge von uns annehmen.
Kleine Veränderungen – große Wirkung
Ganz wichtig ist auch die Kommunikation mit den Lehrern. Die meisten Lehrer wollen helfen und eine erfolgreiche Klasse haben. Nicht jeder Lehrer kann jedoch jede Besonderheit eines Kindes erkennen, dafür fehlt im Schulalltag oft schlicht die Zeit. Hier sollten wir ihnen helfen und ihnen alle Informationen über unser Kind bereitstellen. Nur dann können sie auch auf Besonderheiten reagieren. Oft reichen schon kleine Veränderungen, ein anderer Zugang zum Lernen, eine weitere Erklärung, eine anschaulichere Darstellung oder die Möglichkeit, Lernstoff auf eine andere Weise zu erleben, damit Verständnis entstehen kann.
Geduld, kleiner Padawan!
Schon Meister Yoda lehrt uns, dass Geduld der Schlüssel zur Macht ist. Zum Schluss möchte ich noch an den Realismus aller Eltern appellieren. Haben wir Geduld mit uns, mit unseren Kindern und mit uns Lerntrainern 😊!
Viele Eltern sind so froh, wenn sie endlich ein Lerntraining und somit einen Weg aus der Lernmisere gefunden haben, dass sie freudig erwarten, dass nun alles besser wird. Zunächst muss man mal überlegen, was mit „alles“ gemeint ist. Die Noten, oder der Umgang mit Lernen an sich oder mit der Lernmotivation?
Und darüber hinaus darf nicht vergessen werden: Die Auswirkungen einer Lernschwäche begleiten ein Kind oft schon über viele Jahre. Deshalb brauchen auch Veränderungen Zeit. Seien wir also vorsichtig und erwecken wir vor allem in unseren Kindern nicht die Erwartung, dass es gleich beim nächsten Test eine tolle Note erreichen wird, weil es ja bereits seit zwei Wochen zum Lerntraining kommt. Denn unser Kind wird beim nächsten Misserfolg folgern, dass es wohl doch an ihm liegt, wenn nicht mal das Lerntraining was bringt.

Ein großer Teil meines Lerntrainings beschäftigt sich mit der optimalen Lernstrategie für jedes Kind und für jedes Thema. Die gibt es nämlich, man muss sie nur finden. Die Mühe lohnt sich!
Aber es ist ein langwieriger Prozess, bei dem auch oft alte Muster und Glaubenssätze aufgebrochen werden müssen. Viele davon entstehen aus falschen Erwartungen. Erschweren wir uns und unseren Kindern nicht auch noch diesen Weg.
Es geht um weit mehr als um Noten. Es geht um ihr Selbstvertrauen, ihre Freude am Lernen und darum, dass sie an sich selbst glauben können.
Meine Arbeit als Lerntrainerin ist erfolgreich, wenn ein Kind aus eigenem Antrieb zum Beispiel einen englischen Text liest, weil es dort die neuesten Informationen zu einem Thema findet, das es begeistert. Oder wenn es einen Roman in der Originalsprache liest oder sich einen Film im Original ansieht, weil es den „wahren Charakter“ des Werks erleben möchte.
Wenn Kinder aus eigenem Antrieb ihre Komfortzone verlassen, dann ist das der schönste Erfolg – vor allem für die Kinder!